Samstag, 2. Mai 2009

Torre Castillo 'Jumilla' (Spanien, Monastrell)

%Vol: 13,0
Preis (je 0,75l): 5.50 (Casa Olala)
Tastingtermin: 02.05.
Tastingmaster: Marian, Sebastian

Nase: Schon die Nase macht spürbare Andeutungen, dass wir es hier mit einem Rosé zu tun haben, mit dem man einen haarigen, kneipenschlägereigewohnten, dem Neandertaler noch nah verwandten Hamburger Hafenarbeiter erschlagen könnten. Es ist ein derart schwerer Geruch - getragen von sehr intensivem Beerenaroma -, dass man bei der sich andeutenden Süße beinahe eine Substanz erwartet, mit der Robinson Crusoe seine Hütte hätte zusammenleimen können. Alles in allem also kein prinzipiell schlechter Start, bedenkt man, dass das wirklich eine Spannung aufbaut, wie das Gebräu denn nun schmeckt. (1)

Körper: "Intensiv" ist wohl das richtige Attribut, um den "Torre Castillo" zentral zu beschreiben. Die erahnte Süße kommt spürbar zum Vorschein, er ist wirklich sehr schwer, extrem beerig, viel zu hart ... und es ist gar nicht einzusehen, sich hier mit Komparativen zu begnügen: Für einen Rosé ist er das Schwerste, Beerigste und Härteste, was man sich vorstellen kann. Der "zieht einen richtig runter" (Sebastian).
Stellt man sich das typische Schorlenschema etwa so vor, dass der Wasseranteil das jeweilige Produkt geschmacklich wie gehaltsmäßig entschärft (man also bspw. bei einer Rotweinschorle die Tore zum literweisen Konsum von dem geliebten Château d'Amour, Bordeaux rouge, Manifique avec Verre
öffnet, sich bei einer Weißweinschorle auch nach sieben Schoppen noch guten Gewissens selbst hinters Steuer setzen kann und bei einer Roséschorle so etwas herauskommt wie ... sagen wir: einen Grand Sud Merlot Rosé), dann ist der "Torre Castillo" die Mutter aller Rotweinschorlen! Ich sehe es bildlich vor mir: Da saßen die großen Köpfe in Jumilla fröhlich im Kreis, randvoll mit dem guten, selbstgebrauten Monastrell, und fragten sich, wie sie ihr Produkt, bei dem man sich in der originalen Rotweinvariante fühlen muss, als wäre man mit einem Johannesbeerstrauch penetriert worden, auch schon vormittags konsumieren könnten. Und die Lösung hieß ganz einfach: "Vino rosso con aqua" (was man in Fachkreisen dann auch "Vino rossado" nennt).
Es wäre unangemessen, ihnen das so richtig übel zu nehmen; zumal ich, am späten Abend in einem ähnlichen wie dem eben imaginierten Zustand allein am Lagerfeuer schon meine Freude an diesem etwas kräftigeren Tropfen fand; nachdem ich mir den Tag mit dem einen oder anderen leichteren Rosé vertrieben hatte. Alles in allem ist das kein schlechter Wein, das Faszinierende ist sogar, dass es sich um einen wirklich schweren Rosé handelt, der aber nicht gleich an Port oder Sherry zu erinnern anfängt. Ein etwas spröder Charakter, liebenswert wie ein behindertes Kind in der obligatorischen, allweihnachtlichen Spendenkampagne der "Caritas".
(6)

Abgang: Ich habe je eigentlich keine Ahnung von Wein, und bestimmt ist es irre schwer, einem schweren Wein einen kontrollierten Abgang folgen zu lassen. Zuviel Mitleid wollen wir dafür aber doch nicht aufkommen lassen, und daher gibt es für diesen Abgang, der doch spürbare Bitterkeits- und Säurenoten aufweist, keine Gnade. Während er ausklingt, hält das Ganze noch recht gut mit dem zentralen Aroma zusammen, beim letzten Auslaufen bleibt allerdings nur noch Säure. Ein bitteres Ende, was einen große Dankbarkeit dafür empfinden lässt, dass wir diese Flasche nicht selber bezahlt haben. (0)

Fazit: Diese Flasche war eine freundliche Spende von Sebastians Ma und das bedeutet zwei Dinge: Erstens hat sie einen guten Weinhändler, denn der hat für ihren zu schweren und kräftigen Rotweinen neigenden Geschmack den angemessenen Rosé herausgesucht. Zweitens erfüllt der Wein daher zwar das erste Kriterium unserer Suche nach dem perfekten Sommerrosé nicht: unentwegte Trinkbarkeit bei übernatürlicher Qualität; aber dafür das zweite um so besser: minimalen Einkaufspreis.
Der "Torre Castillo" sei daher all jenen empfohlen, die sich aus ideologischen Gründen im Sommer nicht an Rotwein vergreifen, sich ihren winterlichen Genuss trotz Hitze und Durst aber nicht nehmen lassen wollen; jenen, denen auch in den Tropen nicht einfallen würde, sich Wein einzuschenken, durch den man durchschauen kann; jenen, denen sich das Wort "Sommerrosé" zwar orthographisch erschließt, die ihm aber einfach keine Bedeutung abringen können. Wenn Sie also zu denen zählen, stellen Sie sich eine, nur eine einzige Frage: Was zur Hölle suchen Sie in diesem Blog?? (7)

Snobfaktor: 8.48

Prollfaktor: 11.82

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